Gegen den Strom

CHRISTIAN JUNGWIRTH


Foto: Sabine Starmayr

Der Grazer Spitzenfotograf und Galerist Christian Jungwirth über Schwimmübungen in der Erbsensuppe, Kübel voll mit Schokolade, warum Fotografen nur in Österreich Handwerker sind und Menschen überrascht sind, dass man Fotos sogar kaufen kann.

Sie sind nicht nur der Erfinder der Wanderausstellung „Menschenbilder“ und Galerie-Pionier, sondern auch ein sehr erfolgreicher Werbefotograf. Legendär ist dabei ihr Bild vom Schokoladenpapst Josef Zotter für ein Cover des Wirtschaftsmagazins Format. Wie ist die Idee entstanden, Zotter mit flüssiger Schokolade zu übergießen?

Christian Jungwirth: Das spiegelt ein bisschen meine Arbeitsweise und Philosophie wider. Ich bin ein Querdenker und orientiere mich nicht an Standards – das sollen andere tun. Ich wollte kein Zotter-Foto machen, wie es damals üblich war: Man fährt hin und Zotter beißt in eine Tafel Schokolade. Daher habe ich mir auch genau überlegt, was ich tun werde. Ich wollte mich abheben. Aber nicht, weil ich ein so riesiges Ego habe, sondern weil ich ein besonderes Bild mitnehmen wollte. Die Idee ist mir am Vortag beim Einschlafen gekommen: Warum schütte ich ihm nicht einen Kübel voll Schokolade über den Kopf? Für solche Zwecke liegt immer ein Notizbuch neben dem Bett – damit ich nichts vergesse.

Zotter war sofort damit einverstanden?

Ich habe ihn sehr sensibel in diese Richtung geführt. Man kann ja nicht einfach hinfahren und sagen: So, Herr Zotter, und jetzt schütte ich ihnen Schoko über den Kopf. Sie haben eh nichts dagegen? Wir haben während des Interviews über meine Idee geblödelt und plötzlich sagt er: Ja, wennst meinst, warum nicht? Da war dann die Redakteurin schon weg. Zur Sicherheit habe ich aber noch ein paar normale Fotos gemacht – ich wollte ja nicht, dass alle über den Herrn Zotter lachen und mich blamieren.

Fehlt dieser Mut, außerhalb der Normen zu denken, vielen Fotografen?

Der Mut wäre schon da, aber die Bereitschaft der Models nicht. Dazu gehört auch viel Vertrauen. Junge Fotografen würden nur zu gerne schräge Ideen verwirklichen, aber manchen Kunden ist das dann doch zu kreativ.

Sie haben in ihrer Laufbahn einschneidende Revolutionen in der Fotografie erlebt. Wohin entwickelt sie sich?

Das einschneidende Erlebnis war sicher von analog auf digital, von lernen auf nichts lernen müssen. Fotografie ist einfacher geworden und befreit von jeglicher Technik. Junge Leute sind völlig unbeschwert, wenn sie knipsen – was ja auch schon wieder lustig ist. Wir Älteren denken noch immer viel zu technisch. Passt das Licht, die Kamera, das Objektiv? Während wir noch denken, hat ein Junger das Bild schon längst gemacht und vielleicht sogar ein geniales. Diese Entwicklung war nicht aufzuhalten und es wäre sentimental, sie aufhalten zu wollen. Auch wenn der Rückzug ins Labor schon schön war. In einer von Computern gesteuerten Welt musste die Fotografie mitgehen, sonst wäre sie ziemlich rückschrittlich geworden. Aber es gibt auch hier einen Retro-Trend, wie in der Mode, bei Schallplatten oder Möbeln. Ich habe ja auch noch mein Labor. Grundsätzlich finde ich die Entwicklung positiv – Fotografie hat sich nicht auf Technik reduziert, sondern Kreativität, das Auge und das Gespür sind im Mittelpunkt.

Sie sind seit kurzem Österreichs Vertreter bei der FEP, der Federation of European Professional Photographers mit Sitz in Brüssel. Wie wichtig ist es für einen österreichischen Fotografen, ins Ausland zu gehen, über den Tellerrand hinaus zu blicken und neue Trends in seine Arbeit einfließen zu lassen?

Es ist ganz wichtig, über den Tellerrand zu schauen. Denn niemand sollte glauben, weil er in der Erbsensuppe schwimmt, ist die ganze Welt grün. Nur wer hinausblickt, merkt plötzlich, es gibt auch andere Farben. Wenn du in deinem eigenen Bereich gefangen bist, glaubst du, das ist die Welt. Man muss raus gehen, Eindrücke sammeln, reisen, sich mit der Fotografie global auseinandersetzen.

Ein Aspekt dieser These ist auch der, dass österreichische Fotografen viel zu wenig an internationalen Awards teilnehmen, sich mit dem Ausland messen. Stimmt die Qualität nicht oder hat man hierzulande zu wenig Selbstvertrauen?

Das mit der Qualität würde ich überhaupt nicht unterschreiben, eher das mit dem Selbstvertrauen. Leider hat es in Österreich über Jahre die Entwicklung gegeben, dass die künstlerische Fotografie nicht diesen Stellenwert besitzt, wie im Ausland. Das merkt man allein an der Zahl von an Fotogalerien. Die kannst du bei uns an zwei Händen abzählen. In Graz, der zweitgrößten Stadt Österreichs, gibt es eine Galerie und das sind wir. Aber eigentlich bin ich Fotograf und habe das nebenbei gemacht. Sonst gäbe es in Graz überhaupt keine. Die Menschen denken hier bei Bildern nicht an Fotos, sondern Gemälde. Viele sind überrascht, dass man Fotos sogar kaufen kann. Das finde ich schade. In Deutschland, Italien oder im Osten schaut das ganz anders aus. In Frankreich oder den USA ist das künstlerische Element in der Fotografie viel ausgeprägter. In Österreich ist der Zugang so, dass du als Fotograf ein Handwerker bist. Aber ich sehe auch bei uns Tendenzen, dass wir uns mehr in diese Richtung bewegen.

Ein ganz wichtiger Mosaikstein und Werbung für freie, künstlerische Fotografie ist die von ihnen konzipierte Wanderausstellung „Menschenbilder“. Wie kommt ein Galeriebesitzer auf die Idee, Fotos im öffentlichen Raum zu präsentieren?

Das war Zufall. So wie die Entstehung meiner Galerie, die gar nicht als solche geplant war, sondern als Studio mit all dem technischen Klim-Bim, das man als Fotograf so braucht oder sich einbildet, zu brauchen. Irgendwann bin ich drauf gekommen, dass diese technischen Elemente eigentlich die Atmosphäre des Raums zerstört haben. Ein voll ausgestattetes Fotostudio ist ja nicht kuschelig, da fühlst du dich nicht wohl. Außer du bist ein Technikfreak. Das Entre ist meistens sehr angenehm und dann geht´s ab in die Folterkammer. Da dominieren Stahl, Härte, Licht. Das wollte ich durchbrechen, indem ich gesagt habe, ich baue um und die Technik wird versteckt. Ich will einen Raum haben zum Atmen, Arbeiten. Dann bin ich drauf gekommen, dass man hier ja auch Ausstellungen machen könnte, was immer in meinem Kopf war. Spannende Leute nach Graz holen und sie den Menschen zugänglich machen. Nach zwei Jahren sind dann die Berufsfotografen gekommen: Wir wollen auch eine Ausstellung. Mir war schnell klar, dass so ein Projekt aus logistischen Gründen nicht Indoor stattfinden kann. Daher wollten wir es anders machen, im öffentlichen Raum. Mit Charme und Esprit. Geplant war eine einmalige Ausstellung, aber das Feedback war so gewaltig, dass wir beschlossen haben: Wir machen weiter.

Die Menschenbilder haben eine unglaubliche Eigendynamik bekommen – mittlerweile ist die Ausstellung in fast allen Bundesländern präsent.

Ohne großes Zutun. Wir sind ja keine Profis, die ihre Geschichten verkaufen wollen. Wenn Interesse besteht, sind wir behilflich. Zuerst sind die Tiroler gekommen, dann die Oberösterreicher usw. Und Innungsmeister Heinz Mitteregger war schon ein Motor, der gespürt hat: Das funktioniert und fördert die Gemeinschaft der Fotografen. Wir sitzen alle im selben Boot und können uns gerade bei den Ausstellungen viel besser austauschen. Mittlerweile sind wir mit der Ausstellung sogar in Piran gelandet. Die Menschenbilder sind nicht nur eine Wertschätzung für die Fotografie, sonders besonders für die Kollegen. Es geht nicht nur um knallhartes Business, sondern um Imagewerbung.

Wie sehr haben die Menschenbilder das Bewusstsein für Fotografie in der Öffentlichkeit verändert?

Im Vergleich zum Tsunami an Bildern, dem wir täglich ausgesetzt sind, ist das fast nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber die Resonanz ist großartig. Mir haben Menschen gesagt, dass sie sogar die Kataloge sammeln und es wird oft gefragt, wann kommt ihr wieder, kommt ihr auch zu uns? Schade, dass ihr die Bildbänke schon wieder abbaut. Diese Möblierung der Stadt wird schon geschätzt. Und es verändert auch die Fotografen. Ich sage ihnen immer wieder: Macht etwas Eigenes für die Menschenbilder und nehmt nichts aus dem Archiv.

Zurück zu ihrer Galerie: Gibt es Fotografen, die sie unbedingt noch ausstellen wollen?

Die Liste ist lang, da stehen mehr als 100 Namen drauf. Peter Lindbergh ist sicher ganz oben auf dem Wunschzettel. Aber mir ist es auch wichtig, unbekannteren Leuten zu helfen, die noch nie eine Ausstellung gemacht haben. Peter Mathis hat bei uns zum ersten Mal ausgestellt. Das war ein langer Prozess, weil er sehr an sich gezweifelt hat. Ich sehe mich da aber nicht so sehr als Entdecker, sondern als Aufwecker.