Helmut Newton 100

Stern, Los Angeles, 1980. © Helmut Newton Estate

Babylon Berlin hat ihn geprägt, ehe er aus der deutschen Metropole flüchten musste und eine Weltkarriere hinlegte. Starfotograf Helmut Newton hat mit seinen erotischen Modefotos das Rollenbild der Frau neu interpretiert, viele fasziniert und manche verstört. Am 31. Oktober wäre der Freigeist 100 Jahre alt geworden.

Am 31. Oktober 2020 hätte Helmut Newton seinen 100. Geburtstag gefeiert. Der 1920 in Berlin als Sohn eines jüdischen Knopffabrikanten geborene Ausnahmefotograf schuf ein außergewöhnliches Werk aus raffinierter Verführung und zeitloser Eleganz. Ständig im Fokus der Öffentlichkeit und nicht selten auch im Kreuzfeuer feministischer Attacken dokumentierte und beeinflusste Newton den Wandel der Rolle der Frau in unserer Gesellschaft. Die Vorwürfe, Newton habe mit seiner Darstellung von Nacktheit in der Werbung und Modefotografie die Frau zum Lustobjekt herabgewürdigt, müssen auch im Kontext der neuen Freiheit in den 70ern und 80ern mit ihrer sexuellen Revolution gesehen werden, in der nackte Körper plötzlich kein Tabu mehr darstellten.

Inmitten des moralisierenden Zeitgeistes von #metoo wirken heute manche seiner Werke wie am falschen Ort und zur Unzeit – Newton selbst würde sich jedoch wohl diebisch freuen, angesichts der Reaktionen und Provokation, die seine Bilder bei denjenigen hervorrufen, deren Weltbild von Geschmacksdiktaten und Werten wie in einem saudiarabischen Gottesstaat geprägt sind.

2003 – ein Jahr vor seinem Tod – wurde nahe des Berliner Bahnhofs Zoo die Helmut Newton Foundation gegründet – nicht ohne realistischen Hintergrund: Der Bahnhof Zoo war eines der letzten Gebäude Berlins, die Newton 1938 bei seiner Flucht vor den Nationalsozialisten sehen konnte.

„Helmut Newton hatte zeit seines Lebens immer eine große Sehnsucht nach Berlin. Nicht nach Deutschland, das war ihm immer zu spießig“, verrät Dr. Matthias Harder, seit 15 Jahren Kurator und seit 2017 Direktor der Helmut-Newton-Stiftung. Um die ganze Kraft des Werks von Newton zu begreifen, „muss man die Zeit verstehen, in die er in Berlin hineingeboren wurde. In Berlin herrschte Chaos, es gab täglich Straßenschlachten, die nächtliche Szene war verrucht und es gab die reichste Zeitschriftenlandschaft in ganz Europa – so, wie es derzeit in der TV-Serie Babylon Berlin gekonnt dargestellt wird“, weiß Harder.

Und Newton, sagt Harder, „ist immer angeeckt. Er hat gegen den Geschmack fotografiert und provoziert. Er war ein Freigeist, der seinen eigenen Stil immer durchgedrückt hat. Dafür wurde er oft scharf angegriffen und beschuldigt, ein Sexist zu sein. Aber er hat immer betont, dass er Frauen viel zu sehr liebe, um sie in seinen Bildern zu verachten.“ Egal, ob man sich von Newtons Fotos angezogen oder abgestoßen fühle – „Newton hat das Rollenbild der Frau lediglich kommentiert und auf den Punkt gebracht. Und dadurch hat er die sexuelle Befreiung mitgestaltet und inspiriert“, betont Harder und erwähnt aktuelle Topfotografen wie Mario Testino oder Jürgen Teller, „die eindeutig von Newton geprägt und in seine Fußstapfen getreten sind.“

Die Bildserie „Naked and Dressed“ für die französische Vogue, die den Übergang vom Mode- zum Aktbild markierte, sowie die „Big Nudes“ machten Newton Anfang der 1980er-Jahre auch über die Modewelt hinaus berühmt. Newton lotete auch später das ambivalente Verhältnis zwischen Exhibitionismus und Voyeurismus raffiniert aus und arbeitete für nahezu alle namhaften Magazine und Modelabels weltweit. Im Mittelpunkt seiner Werke stand jedoch selten ein bloßer Modeentwurf, sondern meist auch eine originelle Parallelgeschichte, die oft von legendären Blockbustern der Filmgeschichte beeinflusst wurde. Newton malte mit seiner Kamera förmlich und inszenierte verwirrende Spiele um Macht und Verführung.

2002 gelang es sogar einem österreichischen Medium, den damals 82-jährigen für ein Projekt zu gewinnen: Newton fotografierte für das „Sportmagazin“ den traditionellen Bikini-Kalender des Magazins, der damals im Jugendstiltheater in Wien-Steinhof präsentiert wurde.

Im Herbst 2003 wurde seine Stiftung in Berlin- Charlottenburg gegründet – seitdem wurden hier mehr als 50 Ausstellungen des großen Meisters präsentiert. Zum runden Geburtstag präsentierte die Foundation an einer 85 Meter langen Wand am Kreuzberger Kraftwerk eine Best-of-Schau „Helmut Newton One Hundred“ aus allen Schaffensperioden.

Mehr Infos: www.helmut-newton-foundation.org

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