König der Bildermacher

Interview Herbert Eichinger

Österreichs Fotografie-Ikone Horst Stasny über Feuerblitze auf Salzburger Plätzen, Shootings mit Rockstars, die Geheimnisse der Werbefotografie und warum er den Grazer Christian Jungwirth zum Erben seines Römer-Rings ausgewählt hat.

© Horst Stasny by Sabine Starmayr

Portfolio: Sie feiern 2021 ihren 80. Geburtstag. Gibt es da einen besonderen Wunsch?

Horst Stasny: Mein größter Wunsch wäre es, noch 50 Jahre länger zu leben, um zu sehen, wie sich die Welt verändert. Aber Wünsche gehen leider nicht immer in Erfüllung. Ich feiere runde Geburtstage grundsätzlich nicht und bin meistens weggefahren – mit einer Ausnahme: Bei meinem 50er habe ich in ein Zelt am Urfahraner Markt gemietet und 650 Gäste eingeladen. Mit Big Band und Kamelen zum Reiten, da waren wir sogar in den ORF-Seitenblicken. Das war auch gleichzeitig der 10. Jahrestag meines Studios in Linz.

Sie gelten in der österreichischen Fotografie als lebende Legende. Wie geht man damit um?

Das ist nur eine Alterserscheinung.

Aber dafür muss man auch etwas geleistet haben in seinem Leben.

Ich hoffe doch. Man muss seinen Beruf lieben und die Fotografie hat den enormen Vorteil, dass man sie auch noch im höheren Alter ausüben kann.

Wie waren ihre Anfänge in der Fotografie?

Meine Großeltern hatten ein winziges Fotogeschäft in Bruck an der Großglocknerstraße. Mein ganz großer Wunsch war es aber, Arzt zu werden. Nur hat es im Pinzgau keine Mittelschule gegeben und die nächste wäre in Salzburg gewesen – sehr weit weg. Daher habe ich im heimatlichen Betrieb die Fotografenlehre absolviert. Nachdem ich dann Anfang der 60er eine Anstellung bei Simonis in Wien bekommen habe, habe ich mich auf Werbungspezialisiert. Simonis war damals die Nr. 1 in Österreich mit 45 Mitarbeitern. Ich musste mich für zwei Jahre verpflichten und alle Abteilungen durchgehen. Die Werbefotografie habe ich deshalb gewählt, weil sie vielfältig ist und dich immer wieder vor neue Herausforderungen stellt. Mein ganzer Stolz war damals eine riesige Plakatwand in der Währingerstraße, die mit meinen Fotos vollgepflastert war. Persil, Pril, Flana Pudding – das waren die Firmen, die uns gebucht haben.

Sie haben lange in den USA gelebt und gearbeitet. Wie kam das zustande?

Ich war dort einige Male auf Urlaub und das Land hat mir sofort sehr gut gefallen. Als ich in Santa Barbara war, habe ich in der Nähe meines Hotels das Brooks Institute gesehen und dachte mir, das hat doch mit Fotografie zu tun. Ich ging rein und,man sagte mir, dass hier eine Fotoschule sei. Dann kam ein Professor und fragte mich, ob ich nicht einige Dias dabei hätte, die er seinen Studenten zeigen könnte. Hatte ich und auf einmal stand ich vor 250 Menschen und erklärte ihnen meine Fotos. Später wurde ich von Brooks eingeladen, Workshops über Werbefotografie zu halten und habe auch einen Lehrauftrag übernommen. Eine ehemalige Miss Austria aus Wien hat mir dann mit ihren Verbindungen in Los Angeles geholfen, Kontakt zu einer Agentin zu kommen. Die hat mir 1990 ein Cover-Shooting für die Rockband „The Rembrandts“ vermittelt. Und ab diesem Zeitpunkt war ich gut im Geschäft. Mein erstes Plakat am Hollywood Boulevard war für mich ein Highlight. Im Gegensatz zu Österreich freuen sich in den USA die Kollegen darüber, wenn ein Fotograf Erfolg hat – da herrscht eine andere Mentalität. Da wird ganz offen darüber gesprochen, wie groß Umsatz und Gewinn sind.

Wie würden sie ihren fotografischen Stil beschreiben und was ist ihnen bei ihren Fotos besonders wichtig?

In der Werbefotografie ist für mich vorrangig, dass der Zweck erfüllt wird. Ich kann ein Produkt nicht extrem stylish fotografieren, wenn der Kunde damit in die Supermärkte hinein will. Das ist eine Themenverfehlung. Was will der Kunde –das muss vom Fotografen umgesetzt werden. Die Freiheiten kann man sich in der künstlerischen Fotografie nehmen, aber nicht in der Werbung. Aber man sollte Werbung auch nicht überbewerten, denn es ist und bleibt ein Wegwerfprodukt.

Welche Eigenschaften muss ein guter Fotograf mitbringen?

Freude und Neugier. Verständnis für den Kunden, denn die Fotografie ist Teil der Lösung eines Problems, die der Kunde anstrebt. Er will ein Produkt verkaufen, indem es so dargestellt wird, dass es für die Käufer passt.

Wie findet ein Fotograf den oft zitierten eigenen Stil?

Da gibt es viele Wege, die nach Rom führen. Im Prinzip sollte man immer wieder neue Wege suchen und finden, um etwas anders darzustellen. Und ich habe Kollegen immer unterstützt, wenn sie neue Wege gehen wollten, weil es mir um die Fotografie geht. Da hat es bei mir nie Konkurrenzdenken gegeben. Eigentlich wäre ich der ideale Innungsfunktionär gewesen, obwohl ich nie ein Amt angenommen hätte. Ich habe auch viele Magazinprojekte unterstützt. Wenn da wer gekommen ist und hat gesagt: Ich brauche deine Hilfe, aber ich habe kein Geld – dann habe ich schon zugesagt. Aber unter der Prämisse, dass ich bei der Gestaltung der Fotos völlig frei bin und experimentieren kann.

Wie sehr fehlt in Österreich eine lebendige Magazinszene, in der sich talentierte Fotografen austoben können?

Magazine sind als Plattform für Fotografen enorm wichtig. Leider haben die ganz großen Verlage wie Conde Nast damit begonnen, ihre teuren Produktionen an andere Magazine zu Dumpingpreisen weiter zu geben. Damit waren eigene Shootings aus Kostengründen nicht mehr nachvollziehbar. Wenn einem Magazin zwölf Seiten mit Text und tollen Fotos von prominenten Hollywoodstars um 400 Euro angeboten werden, wird man zugreifen und auf eigene Produktionen verzichten. Das verstehe sogar ich als Fotograf.

Wie soll man sich dann als junger Fotograf positionieren?

Durch Teilnahme an internationalen Wettbewerben. Je besser man da abschneidet, desto leichter kommt man auch zu Anfragen aus dem Ausland. Wettbewerbe sind wie Eigenwerbung. Und es gibt immer Marketingleute oder Artdirektoren, die nach einem bestimmten Fotostil suchen. Wer bei einem Wettbewerb dabei ist oder sogar einen Preis gewonnen hat, sollte dann aber auch für sich selbst aktiv Werbung machen. Gutes tun und darüber reden. Das hat nichts mit Egozentrik oder Eigenlob zu tun, sondern ist heute Notwendigkeit.

Welche wichtigsten Veränderungen hat es für sie in der Fotografie gegeben und wo geht die Reise hin?

In meiner Anfangszeit hat es noch nicht einmal einen maskierten Farbfilm gegeben, da war das mit den Farben sehr kompliziert. Als dann Kodak den Negativ Planfilm auf den Markt gebracht hat, habe ich beim ersten Einlegen und nach dem Betrachten der Abzüge gestaunt: Was, das funktioniert wirklich? Der Elektronikblitz war ebenfalls ein Quantensprung. In Salzburg hatte ich einen gusseisernen Trichter, in den ich Magnesium gegeben habe. Unten war ein Drücker mit einem Zündstein. Nach dem Auslösen ist eine Stichflamme von drei Metern hochgegangen, die einen ganzen Platz ausgeleuchtet hat. Nicht ungefährlich. Die ganzen Schritte waren aber immer relativ klein – bis die Digitalisierung gekommen ist. Da war der Sprung eklatant. Mir wird immer die Werbung einer chinesischen Kamerafirma in Erinnerung bleiben: Mit dieser Kamera können sie auch telefonieren. Dorthin wird der Weg gehen. Ein Gerät, das alles kann.

Welche Tipps würden sie einem Neueinsteiger geben?

Er sollte alles ausprobieren und möglichst viel fotografieren. Es bringt auch etwas, wenn man Bilder anderer Fotografen nachzustellen versucht. Man kommt dann drauf, dass man nie das gleiche Bild anfertigen kann, jedes ist anders. Licht, Spiegelung, es gibt so viele Details, die anders sind, so akribisch man sich auch bemüht. Daraus lernt man aber sehen und das Auge ist immer noch das wichtigste bei einem Fotografen. Und die Freude darf nie zu kurz kommen.

Sie haben 15 Jahre lang den Römer-Ring getragen, den sie von Kurt Römer 2005 erhalten haben. Mit der Auflage, eine würdige Persönlichkeit der Fotoszene zu finden, an den sie ihn zur richtigen Zeit weitergeben mögen. Warum ist ihre Wahl auf Christian Jungwirth gefallen?

Er ist nicht nur ein herausragender Fotograf, sondern fördert mit seinem Projekt „Menschenbilder“ auch entscheidend die regionalen Fotografen. Damit wenden sich die Kollegen mit ihren Bildern direkt an die Menschen in den Gemeinden. Das hilft den Berufsfotografen vor Ort und sie können ihre Qualität unter Beweis stellen. Ich hoffe, dass der Römer-Ring in Zukunft zum Iffland-Ring der Fotografie wird.

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