Mittendrin statt nur dabei

Text: Gerald Piffl

Otto Breicha war eine Integrationsfigur der österreichischen Kunstszene. Als Ausstellungsmacher, Museumsdirektor, Herausgeber, Kunstkritiker, Schriftsteller und Sammler war er ab den 1960er Jahren maßgeblich am Werdegang zahlreicher bildender Künstler und Schriftsteller beteiligt.

Thomas Bernhard im Kaffeehaus. 1971. © Otto Breicha / Imagno / picturedesk.com

Als Grenzgänger zwischen den Disziplinen war Otto Breicha (1932-2003) ein Wegbereiter für die junge Szene, der sein eigenes Werk in den Dienst jener Künstler stellte, die er schätzte und die er mit enger, oft freundschaftlicher Verbundenheit begleitete.

Breichas Arbeiten bilden streng genommen kein eigenes fotografisches Werk, wurden von ihm schon gar nicht als künstlerischer Ausdruck verstanden. Die Bilder entstanden innerhalb weniger Jahre, von Beginn der 1960er bis in die frühen 1970er Jahre, vor allem im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als stellvertretender Leiter der Österreichischen Gesellschaft für Literatur und als Herausgeber der Zeitschrift protokolle. Die 1961 gegründete Österreichische Gesellschaft für Literatur befindet sich noch heute im Palais Wilczek in der Herrengasse in Wien. Im Rahmen der Veranstaltungstätigkeit konnte man zahlreiche Literaten, Kritiker und Übersetzer in den Räumlichkeiten begrüßen. Die Anwesenheit junger Talente wie Elfriede Jelinek oder Thomas Bernhard und arrivierter Protagonisten der Szenen wie Elias Canetti, nutzte Breicha um sie, des Lichtes wegen, auf dem Balkon im Innenhof zu porträtieren. Diese sogenannte Pawlatsche zieht sich als Zitat durch viele Aufnahmen und wird so zu einer Konstante in der Reihe eindrucksvoller Porträts, die durch ihre Authentizität und Direktheit bestechen. Breicha hielt sich nicht mit langer Standortsuche auf, versuchte nicht, atmosphärische Fotografien zu schaffen. Seine Fotografien zeigen ein genaues Wissen um Bildaufbau und Komposition ohne inszeniert zu wirken. Vielen Porträts merkt man die enge freundschaftliche Beziehung zu den Künstlern an – eine entscheidende Voraussetzung für diese direkten, einfühlsamen und manchmal auch skurrilen Fotografien.

Von 1966 bis 1997 war Breicha (bis zu dessen Tod 1969, gemeinsam mit Gerhard Fritsch) als Herausgeber der Zeitschrift für Literatur und Kunst protokolle tätig. Ergänzend zu seinen Autorenporträts schuf Breicha in diesem Rahmen auch wichtige Dokumente bildender Künstler in ihren Ateliers und fertigte zahlreiche Reproduktionen ihrer Werke an, wenn er rasch ein Foto für die Zeitschrift oder eine der von ihm herausgegeben Anthologien benötigte. In den Porträts von Malern und Bildhauern verschmelzen die Dargestellten oft förmlich mit ihren Werken, als ob sie selbst zu Skulpturen würden.

Breichas unwillkürlich angewachsenes fotografisches Werk dokumentiert die spannendsten Jahre und Phänomene der Kunstszene in Österreich. Jungstars und kommende Talente, Berühmtheiten und solche, die es erst werden sollten, treten in den Fotografien auf. Oft sind es die ersten „offiziellen“ Aufnahmen, die heute etablierte und anerkannte Künstler in ihrer Anfangszeit zeigen, Junge, selbstbewusste, manchmal noch suchende Menschen. Antithetisch dazu stehen Porträts jener Schriftsteller, die bereits in der Zwischenkriegszeit publiziert hatten und in den 1960er Jahren eine zweite Welle des Erfolgs feierten, wie Heimito von Doderer oder Albert Paris Gütersloh. Otto Breicha war ein rastloser Kunstvermittler. War es die Tätigkeit als Ausstellungsmacher, die Leitung des Kulturhauses in Graz (1972-2000) oder seine prägende Rolle als Gründungsdirektor des Rupertinums in Salzburg (1981-1997). Immer war er ein Ermöglicher, ein Macher. Ein zentrales Thema seiner Arbeit war dabei die Förderung österreichischer Fotokunst, der er als Vordenker und Theoretiker das Terrain ebnete. Breicha kann fast als „Erfinder“ einer österreichischen Fotografie gelten, denn bereits 1974 versuchte er in der Ausstellung Kreative Fotografie aus Österreich die Autorenfotografie in Österreich zusammenfassend darzustellen und schließlich begründete er mit seiner Tätigkeit am Rupertinum in Salzburg eine repräsentative Sammlung österreichischer Gegenwartsfotografie.

Otto Breicha selbst sah seine Fotografie schlicht durch äußere Umstände verursacht, war sich allerdings seiner dadurch bedingten Zeitzeugenschaft bewusst. Obwohl er sie nur als Nebenaspekt seiner Tätigkeiten und als eine Art Tagebuchaufzeichnungen wertete, erzählen seine Fotos Kunst-Geschichten, so wie er selbst ein Geschichtenerzähler war, in langen Gesprächen, reich an Anekdoten, immer kritisch und oft zynisch. Otto Breicha war Teil der Kunstszene, lieber mittendrin statt nur dabei.   

Der Autor
Dr. Gerald Piffl ist Fotohistoriker, Kurator und Produktmanager bei APA-PictureDesk mit dem Schwerpunkt auf historischen Archiven. Er ist Nachlassverwalter mehrerer österreichischer Fotografinnen und Fotografen wie Barbara Pflaum, Otto Breicha oder Franz Xaver Setzer.

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