Jörg Mitter: Es gibt keine zweite Chance

Einer der weltbesten Sport- und Adventure-Fotografen im Porträt: Jörg Mitter über Adrenalin, Felix Baumgartner, abstürzende Hubschrauber und gefährliche Giraffen.

Dass er irgendwann seine Brötchen als Fotograf verdienen wird, war in der Lebensplanung des im steirischen Wald am Schoberpass geborenen Jörg Mitter eigentlich nicht wirklich vorgesehen. Nach der Matura zog es ihn nach Graz, wo er Geoinformationstechnologie studierte. „Ich wollte meinem Opa zeigen können, wo ich genau bin, wenn ich in den Bergen klettere“, lacht Mitter, der zusätzlich im Eventmanagement arbeitete, um sein Studiumfinanzieren zu können. Als er bei einem halbjährigen Auslandsaufenthalt in den USA Leute aus der Mountainbike- und Adventure-Sport-Szenekennen lernte, war es um Mitter geschehen. Er kam in Kontakt mit Red Bull und landete plötzlich im Organisationsteam für einen Speed-Ski-Test des Tirolers Harry Egger, der 1999 mit 248 km/h Weltrekord aufstellte.

So ganz nebenbei begann Jörg bei den Events zu fotografieren: „Ich hatte immer eine Kamera dabei und es war mir anfangs gar nicht bewusst, dass ich offensichtlich gute Fotos machte – aber es kamen immer mehr Leute zu mir und ermutigten mich“, erzählt Mitter, der sich dann intensiv mit der Fotografie auseinandersetzte. „Ich habe keine klassische Ausbildung absolviert, sondern viele Bücher gelesen, mich im Internet mit der Technik beschäftigt und der Rest war Learning by doing.“

Den endgültigen Durchbruch als weltweit anerkannter Spezialist für die Ablichtung von Extremsportlern schaffte Mitter 2007 an der Seite von Felix Baumgartner. Jörg fotografierte Baumgartner, als sich der Basejumper in Taiwan vom damals höchsten Wolkenkratzer der Welt, dem Taipeh 101 Tower, 509 Meter in die Tiefe stürzte, ohne zuvor um Genehmigung anzusuchen. „Der Sprung war damals eine Sensation, seither hat sich viel geändert. Der Extremsport ist fast zu einem Massenphänomen geworden, an manchen Tagen springen hunderte Base Jumper von einem einzigen Felsen in Norwegen. Leider bleibt dabei oft der Respekt für einander und für die Natur auf der Strecke. Ein einfaches Servus am Berg, höflicher Umgang miteinander und die Landschaft so zurück zu lassen, wie man sie vorgefunden hat, sollte schon das Minimum sein“, so Mitter, der sehr dankbar ist dass „ich durch meinen Beruf so viele Länder bereisen kann, aber am liebsten bin ich doch zuhause in den österreichischen Bergen.“ Red Bull Air Race, X-Fighters, Ice Cross Downhill, Storm Chase, die Drohnen Champions League, Aufträge für Northland, Stihl oder Swatch – überall, wo es Action pur gibt und das Adrenalin literweise ausgeschüttet wird, ist Jörg Mitter nicht weit. So war es für ihn keine Frage, dass er sofort zusagte, als ihm vor mehr als einem Jahrzehnt ein Job bei einem der waghalsigsten Abenteuer der Geschichte angeboten wurde – dem Stratos Projekt.

„Ich mag Projekte, bei denen man sich als Fotograf selbst einbringen kann, und der Stratos-Sprung hat schon eine ganz besondere Faszination ausgestrahlt“, erinnert sich Mitter, der mehr als zwei Jahre bei der Vorbereitung für den Rekordfallschirmsprung von Felix Baumgartner aus der Stratosphäre dabei war. Mitter und sein Team schossen die Bilder, die um die Welt gingen, als Baumgartner aus 38.969 Meter mit den Worten „Ich gehe jetzt heim“ absprang, im freien Fall eine Höchstgeschwindigkeit von 1357 km/h schaffte und in der Nähe von Roswell, New Mexico, schlussendlich sicher mit dem Fallschirm landete. „Es herrschte eine Riesenanspannung. Der Sprung wurde mehrfach verschoben, wir mussten auf den perfekten Wind warten und es gab immer wieder heikle Situationen, die man gar nicht mitbekommen hat“, erzählt Mitter, der – wie die von ihm fotografierten Athleten – auch selbst großen Wert auf Fitness legt: „Das ist bei meinen Projekten wichtig, aber ich bin nicht der Mensch, der ins Fitnesscenter geht. Ich hole mir die Kraft und Ausdauer in den Bergen, beim Schifahren und Bergsteigen.“ Nicht selten ist bei Fotoshootings in den verschneiten Alpen, Jörg Mitter derjenige, der vorausgehen und zusätzlich seine Ausrüstung schleppen muss. „Ich habe immer zwei Kamera-Bodies dabei. Wenn du irgendwo in Südamerika bist und eine Kamera geht kaputt, ist es oft schwierig Ersatz zu finden.“ Immer mit im Gepäck: Eine Nikon D5 und 850, Brennweiten von 14 bis 400, am liebsten 1.4 und oft auch ein 800er.

Für perfekte Bilder der Actionsportler ist die Vorbereitung der Schlüssel. Der Großteil der Fotos kann nur einmal passieren, im Bruchteil einer Sekunde. Es gibt keine zweite Chance. Daher muss man über alle Einflüsse von außen und die Technik, die Einstellung, das Licht, genauestens Bescheid wissen. Fehler passieren natürlich manchmal, aber du musst vorher versuchen, sie möglichst auszuschließen“, erklärt Mitter, der bereits rund 1000 Stunden aus einem fliegenden Hubschrauber fotografiert hat.

Blendet der Österreicher, der heute in Altenmarktlebt, die Gefahr aus, wenn sich die Athleten und er selbst in brenzlige Situationen begeben? „Ich fordere nichts heraus und bereite mich immer so gut vor, dass ich die Gefahren einschätzen kann.Vor einigen Jahren hatte ich jedoch in der Türkei bei Luftaufnahmen mit einem Helikopter Riesenglück. Wir sind in einen Abwärts sog geraten und der Pilot konnte den Hubschrauber erst wenige Meter vor dem Aufschlag wieder abfangen. Und in Afrika wurde ich bei einem Freestyle Motocross Shooting fast von einer riesigen Giraffe überrannt.“ Während Jörg also glimpflich davonkam, hatten einige der Sportler weniger Glück: „Es gibt leider sieben Athleten, mit denen ich gearbeitet habe und die bei ihrem Sport verstorben sind. Das waren ausnahmslos Menschen, die sich völlig bewusst waren, dass etwas passieren kann. Sehr offenherzige Leute, die das Leben genossen haben.“

Maikel Melero of Spain jumps next to a giraffe in the South African savanna close to Pretoria, South Africa on August 20, 2014.

Weil für komplizierte Projekte oft mehrere Fotografen benötigt werden, gründete Mitter „Limex Images“ – ein Netzwerk von Fotografen, die nicht nur hohe Qualitätsansprüche mitbringen, sondern vor allem auch Teamplayer sind: „Wenn du mit drei Alphatieren ein schwieriges Shooting machen musst, wirst du scheitern. Dafür braucht man Teamspirit und muss sich zurücknehmen können.“

www.joergmitter.com / www.limeximages.com / Instagram: @joergmitter

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