Johann Wimmer: “Ein Fotograf ist wie ein Sportler: Du musst ständig trainieren!”


Johann Wimmer von W+K Fotografie ist einer der größten Werbefotografen des Landes. Der Welser über einen radikalen Schnitt in der Lehrzeit, Werbung als Provokation, wie er Nachwuchs rekrutiert, seine lange Auszeit und die Liebe zur Kunstfotografie.

Sie sind mit rund 30 Mitarbeitern einer der „Big Player“ in der Werbefotografie. Wohin entwickelt sich diese Sparte der Fotografie?

Johann Wimmer: Ich bin fast ein Einhorn unter den vielen EPU´s, aber auch auf dem Werbesektor gibt es große Veränderungen. Wir sind gerade im Begriff, uns neu aufzustellen und das Team maßvoll zu verkleinern.

Wie waren ihre Anfänge?

Ich hatte das Riesenglück, in einer Werbeagentur groß zu werden, nachdem ich mir in der Fotodynastie Lang den ersten richtigen Geruch von Fotografie geholt hatte. Meine Lehre habe ich bei einem kleinen Porträtfotografen in St. Martin bei Traun begonnen. Gegen den Wunsch meines Vaters, der für mich eine Lehrstelle als Feinmechaniker vorgesehen hatte. Nach eineinhalb Jahren bin ich aber gegangen, weil mir der strenge Lehrherr am Schneidetisch meine langen Haare abgeschnitten hat. Dann bin ich aufgestanden, habe meine Sachen gepackt und bin mit dem Zug nach Hause gefahren. Mein Vater war nicht begeistert. Ich konnte jedoch meine Lehre im Fotostudio Lang fortsetzen.

Wie wichtig ist eine universelle Ausbildung für einen Fotografen?

Sehr wichtig. Ich habe Ausarbeiten gelernt und war dann auch beim Bundesheer in der Heeresbildstelle in St. Pölten. Bei einer Truppenübung hat mir dann ein Fotograf vom Magazin Stern gezeigt, dass man auch gegen das Licht fotografieren kann. Immer mit einem dunklen Horizont für einen schönen Kontrast. Nach einem Tag wusste ich, worum es in der Reportagefotografie geht.

Wie kam der Wechsel zur Werbung zustande?

Ich habe in Wels bei C&M als Agenturfotograf mit eigenem Studio gearbeitet. 1984 habe ich mich dann selbständig gemacht und das ganze Equipment zu für mich günstigen Konditionen übernehmen können. Richtig aufgegangen ist es dann mit Beginn der Digitalisierung. Vorher haben wir oft die Filme mit der Bahn nach Wien ins Labor geschickt, um eine gute Qualität zu erhalten. Ohne die Hilfe der Schaffner wäre das nicht gegangen. In der Werbung darfst du dir vieles erlauben, nur eines nicht: Schlechte Qualität abliefern.

Wie hat sich die Werbefotografie im Laufe der Zeit verändert?

Eigentlich gar nicht so sehr. Du bist natürlich sehr abhängig von der Agentur. Es kommt darauf an, ob du dich freispielen kannst und direkt mit dem Kunden arbeitest oder ob es nur über die Agentur geht. Im letzten Fall hängt alles an der Agentur, die dir die Vorgaben erteilt. Oder du wirst gebucht, weil du deinen eigenen Stil hast, den du nicht veränderst. Schade ist, dass es kaum noch Artdirektoren gibt, mit denen du eng zusammenarbeiten kannst. Dadurch fällt das kreative Spannungsfeld weg und du musst dich als Fotograf selbst finden. Mit der Zeit bekommst du optimalerweise einen gewissen Status und mehr Vertrauen. Der kreative Anspruch hat sich leider etwas verwässert, die Kampagnen sind flacher geworden.

An Kreativität hat es bei ihrem langjährigen Hauptkunden XXXLutz mit der legendären Familie Putz nicht gemangelt.

Dieses Konzept, gezielt miserable Werbung als Provokation einzusetzen, halte ich nach wie vor für sensationell. Das muss man sich erst mal trauen. Genial. Und es ist auch kein Zufall, dass ein Unternehmen wie Benetton nach jahrelangen Verlusten wieder Kampagnen mit seinem einstigen Erfolgsgaranten Oliviero Toscani plant.

Kann eine perfekte Werbekampagne ein Produkt so pushen, dass der Verkauf durch die Decke geht?

Nein. Eine Kampagne kann den Verkauf nur unterstützen. Die Qualität des Produktes muss stimmen, sonst funktioniert es nicht.

Wie gefährlich ist es, von einem Kunden zu sehr abhängig zu sein?

Du musst dich natürlich vertraglich absichern, sonst wären ja auch keine Investitionen in neues Equipment usw. möglich. Und ohne Absicherung kannst du auch nicht Personal einstellen und ausbilden. Es ist notwendig, dass du ein Mindestvolumen bei deinem Kunden im Jahr umsetzt, sonst kannst du nicht planen. Wir bilden alle unsere Leute mit Herz und Schmerz selbst zu universellen Fotografen aus, weil wir ja ständig der Kritik der Kunden ausgesetzt sind und immer auf dem Prüfstand stehen. Insgesamt werden es an die 35 Lehrlinge sein, die bei uns den Beruf gelernt haben. Und alle sind noch in dieser Branche tätig, darauf dürfen wir auch ein wenig stolz sein.

Was ist ihr Geheimnis, guten Nachwuchs zu finden, der auch nachhaltig in der Fotografenbranche sein Glück findet?

Da gibt es einen ganz einfachen Test: Wenn sich jemand vorstellt, dann gehen wir gemeinsam ins Studio und ich baue das Licht auf. Wer für den Job geeignet ist, zeigt sofort seine Hands-on-Mentalität und steckt die Kabel in die Steckdose. Andere schauen mir nur zu und warten ab, was ich mache. Und dann laufen sie zur Kamera und wollen zu fotografieren beginnen. Das sind die, bei denen es mühsam wird. Das darf nur ein genialer Wichtigtuer wie Karl Lagerfeld. Manchmal teste ich angehende Lehrlinge auch mit der Aufhellerscheibe. Wer die zusammenlegen kann, hat auch motorisch gute Voraussetzungen.

Sie haben vorher schon angesprochen, dass sie sich personell verkleinern wollen.

Unser Personal verlagert sich in Etappen zu unserem Hauptkunden. Das gibt mir die Möglichkeit, in Zukunft wieder mehr künstlerische Fotografie und Projekte zu machen. Das werden meine schönen und reizvollen Aufgaben. Das Honorar darf dabei aber keine Rolle spielen. Wir werden uns drei Teams mit rund 12 Mitarbeitern behalten, das Studio wird von 1800 auf 400 Quadratmeter reduziert. Ohne meinen langjährigen Partner Ralf Kienast wäre das nicht möglich – er ist der ruhende Pol in der Firma und ein Vorreiter, was neue technische Entwicklungen betrifft.

Sie haben sich vor einigen Jahren eine längere Auszeit genommen. Was war da der Hintergrund?

Ich habe in meinem Freundeskreis beobachtet, dass alle Probleme hatten, weil es im Job immer nur um noch mehr Leistung gegangen ist. Auch in der Freizeit oder beim Sport haben sie sich selbst unter Druck gesetzt. Immer mehr, immer weiter. Da sind einige brutal ins Burnout getaumelt. Und das ist nicht lustig. Ich habe zwar bei mir selbst keine derartigen Anzeichen bemerkt, aber der Spaß war plötzlich weg. Und die Motivation. Dann habe ich beschlossen: Ich nehme mir ein Jahr Zeit, kaufe mir ein Wohnmobil, fahre rund um Europa und arbeite an einem Buch. Ich habe meine Kunden informiert und es war keiner dabei, der kein Verständnis hatte. Dann bin ich ganz alleine los, weil meine Frau Brigitte keine Camperin ist. Die hat mich aber regelmäßig an verschiedenen Stationen besucht, auch meine Kinder sind gekommen. Irgendwann hatte ich aber die vielen Abschiede satt und ich bin alleine weiter gefahren. Mein erstes Enkelkind ist damals zur Welt gekommen, als ich nicht da war.

Wie schwer war es, loszulassen?

Gar nicht. Ich war zwar telefonisch erreichbar, aber es hat niemand angerufen. Wenn in der Firma der Teufel los gewesen wäre, dann hätte ich ja in einigen Tagen wieder in Österreich sein können. Aber das ist nicht passiert und meine Auszeit ist von allen akzeptiert worden. Meine Frau Brigitte, meine Tochter Sarah und mein Partner Ralf Kinast waren der Garant dafür, dass die W+K auch ohne mich funktioniert.

Die Kamera war trotzdem mit dabei.

Natürlich. Anfangs wollte ich keine Menschen fotografieren, sondern nur Gebäude und Landschaften. In Marseille wurde mein Auto aufgebrochen, sonst gab es eigentlich keine wirklich gefährlichen Situationen. Insgesamt war es eine großartige Erfahrung und ich würde diese Reise sofort wieder machen.

Was würden sie einem jungen Menschen empfehlen, der unbedingt Fotograf werden möchte?

Der Beruf ist nach wie vor wunderschön und er hat sich auch nicht wirklich geändert – nur die Technik ist heute eine andere. Als Fotograf benötigst du eine Portion Frechheit und den Mut, über den Zaun zu springen. Es gibt Barrieren, die du als Werbefotograf nicht unbedingt sehen musst. Ein gutes Auge zu haben ist wichtig, aber nicht alles. Du musst auch dein Handwerk beherrschen und deine Fähigkeiten ständig trainieren – wie ein Sportler. Nur die Kamera in die Hand zu nehmen und knipsen ist zu wenig, das wird nie etwas. Ein Koch hat ein Rezept und überlegt sich, was er kocht. Da kann sich auch ein Fotograf nicht auf den Zufall verlassen.

Seit ihrer Europatournee sind sie verstärkt auch für Kunstprojekte tätig. Wie wichtig sind freie Arbeiten für die Entwicklung eines Fotografen?

Eines meiner Vorbilder, Horst Stasny, sagt: Sehr wichtig und ich will ihm da nicht widersprechen. Das ist das Salz in der Suppe und zwingend notwendig. Ein Fotograf, der keine freien Arbeiten macht, bleibt einer unter vielen. Dann ist Fotografie für ihn halt nur ein Job. Bei freien Projekten lernst du extrem viel und du hast ein Publikum, das dich beurteilt. Wenn du Applaus bekommst, bist du auf dem richtigen Weg. Sonst musst du dich hinterfragen. Allein dieser Prozess bringt dich weiter. Und irgendwann kommt der Moment, in dem du drauf kommst: Fotografie ist wie Zeichnen mit Licht.

Ihre Kinder sind in Ihre Fußstapfen getreten und haben die Graphische in Wien absolviert.

Das kann ich nur empfehlen. Die Graphische hat sich wieder sehr zum Positiven gewandelt und bietet eine exzellente Ausbildung. Mit tollen Lehrern, die für alles offen sind.