Das Feuer muss brennen

Die Graphische als Sprungbrett, Wien als Basis und die Welt als Bühne:
Rafaela Pröll über die Faszination der schönen Dinge,
ihr Faible für Magazine und warum sich Kunst nicht abschaffen lässt.

© Rafaela Pröll by Philipp Hochmair

Bereits mit zwölf hatte die gebürtige Vorarlbergerin Rafaela Pröll für sich entschieden, dass ihr das Ländle irgendwann zu klein sein und sie nach Wien ziehen würde. Feuer gefangen für die lebenswerte Bundeshauptstadt hat sie im Zuge zahlreicher Wien-Besuche in ihrer Kindheit. „Mit 18 konnte ich zwei Fliegen auf einen Schlag treffen: Ich habe die Aufnahmeprüfung für die Graphische geschafft und konnte dadurch gleichzeitig nach Wien übersiedeln“, erzählt Pröll, die sich durch ihre Fotokunst einen Namen gemacht hat, der weit über die Grenzen Österreichs hinausgeht.

Der Wechsel aus der geistigen Enge einer Klosterschule in die legendäre Eliteschule im 14. Bezirk mit Absolventen wie Manfred Deix, Gottfried Helnwein, Niki List oder Foto-Pionier Ernst Haas, war für Pröll „wie das Paradies auf Erden. Die Schule war damals Kult, die Stimmung total positiv und progressiv. Man hat uns Schülern viel Freiheit gegeben, wir konnten unsere Kreativität ausleben.“

Schon während der Ausbildung stürzte sich Rafaela in die praktische Arbeit, wobei „ich mich nie spezialisiert habe. Meine Liebe und Leidenschaft gehört der Mode- und Porträtfotografie, aber ich habe auch Hochöfen fotografiert. Ich musste Geld verdienen. Daher habe ich künstlerische Arbeiten zu Beginn nur nebenbei gemacht.“

Zur Technik der Fotografie hat Pröll einen sehr rationalen Zugang: „Du musst die Technik beherrschen, um künstlerische Fotos schaffen zu können. Die Kamera ist für mich ein Werkzeug, um das abzubilden, was ich sehe und spüre.“ Apropos sehen – Pröll ist ein optischer Typ, der stundenlang in Wien spazieren oder im Kaffeehaus sitzen kann und dabei nur eines macht: Schauen. „Ich kann nicht anders, das wurde mir in die Wiege gelegt. Mich faszinieren spannende Menschen und schöne Dinge.“

Schöne Dinge mochte Rafaela schon immer, daher war es für sie naheliegend, sich mit Mode und Modefotografie eingehend auseinanderzusetzen. „Mode ist für mich der Ausdruck eines inneren Zustandes und eine Abbildung deiner selbst. Mut zu außergewöhnlicher Bekleidung und ein besonderer Stil – dafür kann ich mich begeistern.“ Begeistert von Rafaelas Bildern sind nicht nur namhafte Modedesigner und zahlreiche Topmodels, sondern auch viele nationale und internationale Hochglanzmagazine, die gerne auf ihre Dienste zurückgreifen, wenn sie starke, auffallende Fotos wollen. „In Österreich kannst du dich nicht ausschließlich darauf konzentrieren, du musst auch andere Jobs machen. Wir sind in der Modebranche nur ein kleines Licht im Vergleich zu Paris, Mailand, London oder New York. Dort werden die Trends gesetzt, auch Berlin ist im Kommen. In Metropolen wie Paris oder London findet man zwar bessere Models, dennoch ist auch dort nicht alles perfekt. Es gibt genau soviele gute und schlechte Fotografen, Magazine oder ängstliche Kunden und Artdirektoren“, weiß Pröll, die ihre zahlreichen Aufenthalte im Ausland auch dazu nutzt, sich immer wieder neu zu erfinden und diese Eindrücke in ihre Arbeit einfließen zu lassen. „Vor allem Paris bedeutet für mich Inspiration.“

Dass die Gesellschaft heute durch Social Media einer immensen Bilderflut ausgesetzt und überfordert ist, sieht Pröll entspannt. „Es hat im Laufe der Zeit immer wieder neue Medien gegeben und die Fotografie wird auch das überleben. Früher war es nur die Vogue, heute ist es die Vogue und Instagram. Beides existiert nebeneinander. Das Rad werden wir nicht mehr zurückdrehen können. Aber ein richtig guter Fotograf wird sich immer durchsetzen, auch wenn die Fotografie sicher schnelllebiger geworden ist und sich die Wertigkeit zu wandeln scheint. Doch genauso wie die Fotografie die Malerei verändert hat, wird sich auch die Fotografie durch die neuen Medien verändern. Kunst lässt sich aber nicht abschaffen“, ist Rafaela überzeugt, die – obwohl eine ausgesprochene Retrofanatikerin – die digitale Technik bevorzugt. „Ich fotografiere immer wieder mal analog, aber ich sehe die Sinnhaftigkeit nicht und preislich ist das nicht darstellbar. Ich mag zwar auch alte Schallplatten, aber im Job bin ich digital.“

Ein gelungenes Bild muss für Rafaela den Betrachter „gefangen nehmen, ihn fesseln und faszinieren. Es darf aber auch ruhig laut, verstörend, provokant oder ganz leise sein. Nur eines darf es nicht: Langweilen“

Wie bereitet sich die Künstlerin eigentlich auf ein Shooting vor? „Ich bin im Grunde meines Herzens eine Perfektionistin und versuche mich so gut wie möglich auf den Kunden einzustellen. Die Rahmenbedingungen sollen so weit gesteckt sein, dass man sich in diesem Rahmen frei bewegen kann. Mir ist es sehr wichtig, meine Offenheit für spontane Ideen zu behalten, ich will mich nicht durch die äußeren Umstände versklaven lassen und Raum zum Improvisieren haben. Wenn etwas nicht sofort klappt, flippe ich total, aber irgendetwas in mir weiß, dass es gut ausgeht. Entscheidend ist, dass du als Fotograf dem Team und dem Model Sicherheit gibst. Meine Fashionshots sind immer Teil einer Geschichte. Ich gebe den Protagonisten vor meiner Kamera eine Rolle und sie dürfen sich darin bewegen“, lacht Pröll, die für sich selbst einen Leitsatz aufgestellt hat: Das Feuer muss immer brennen. „Nur wenn du alles gibst und liebst, was du machst, stimmt das Ergebnis. Meine Arbeiten sind wie Momentaufnahmen eines Films – der Betrachter will mehr wissen dazu. Diese Fotografien sind Offenbarung und Geheimnis in einem.“

Für die Zukunft der Fotografie wünscht sich Pröll, dass sich nicht noch mehr Printmagazine verabschieden. „Magazine sind eine tolle Plattform für  Fotografen und Kreative. Man sollte sie nicht wegrationalisieren, sondern spannender gestalten – Leser dafür gibt es. Die Medien- und Werbebranche müsste wieder mehr Mut zeigen. Wenn ich an die Fotos von Helmut Newton für Bauwelt oder Oliviero Toscani für Benetton denke – das war ein Aufschrei. Früher hat sich Werbefotografie mit Kunstfotografie vermischt“, sagt Pröll, die nicht lange überlegt, wenn man sie fragt, wen sie irgendwann gerne vor der Linse hätte: „Malgosia Bela.“

Wenn Rafaela Pröll ihre Kamera aus der Hand legt, schwingt sie sich gerne in den Sattel. „Ich liebe Dressurreiten und mag diese Eleganz, die gemeinsamen Bewegungen. Im Umgang mit Pferden ist Vertrauen wichtig und es muss eine entspannte Harmonie, ein synchrones Tanzen entstehen – fast wie bei der Porträtfotografie. Man findet einen gemeinsamen Rhythmus und so entstehen unverwechselbare Bilder.“

Text: Herbert Eichinger
Fotos: Rafaela Pröll

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